Produkthaftung, Gewährleistung und Produktsicherheit: sechs Begriffe sauber getrennt

Im Alltag werden diese Begriffe oft synonym verwendet, obwohl sie unterschiedliche Fragen beantworten: Wer kann etwas verlangen, wofür, von wem und auf welcher Rechtsgrundlage. Diese Seite ordnet sie und zeigt, an welcher Stelle die neue Richtlinie (EU) 2024/2853 eingreift.

7 Min. Lesezeit · Für Importeure und Onlinehandel · Stand: 26.08.2026

Die Übersicht

Der schnellste Zugang ist die Frage, wer überhaupt etwas verlangt und worauf sich der Anspruch richtet. Schadensersatz für einen Personenschaden folgt anderen Regeln als Nacherfüllung für ein mangelhaftes Gerät.

Sechs Begriffe im Vergleich
BegriffRegeltWer verlangt wasRechtsgrundlage
ProdukthaftungSchadensersatz für Schäden durch ein fehlerhaftes ProduktDie geschädigte Person, auch ohne Vertrag mit IhnenRichtlinie (EU) 2024/2853, umgesetzt im Produkthaftungsgesetz
GewährleistungMängel der Kaufsache selbstDer Vertragspartner, gerichtet auf Nacherfüllung, Minderung, Rücktritt oder SchadensersatzKaufrecht des BGB
ProduzentenhaftungVerletzung von VerkehrssicherungspflichtenDie geschädigte Person, verschuldensabhängigDeliktsrecht des BGB
Produktsicherheit / GPSRAnforderungen vor und nach dem InverkehrbringenMarktüberwachungsbehörden, keine privaten AnsprücheVerordnung (EU) 2023/988
CE-KennzeichnungErklärung des Herstellers zur Konformität mit einschlägigen RechtsaktenKein Anspruch, sondern MarktzugangsvoraussetzungProduktspezifische Rechtsakte
ProdukthaftpflichtversicherungWirtschaftliche Folgen eines Haftungsfalls im Rahmen des VertragsDer Versicherungsnehmer gegenüber dem VersichererVersicherungsvertrag

Wo Produktsicherheit und Produkthaftung ineinandergreifen

Die beiden Ebenen sind rechtlich getrennt, wirken aber aufeinander ein. Nach Artikel 10 Absatz 2 Buchstabe b der Richtlinie wird die Fehlerhaftigkeit eines Produkts vermutet, wenn der Kläger nachweist, dass das Produkt verbindlichen Anforderungen des Unionsrechts oder des nationalen Rechts an die Produktsicherheit nicht entspricht, die vor genau dem eingetretenen Schaden schützen sollen.

Damit wird eine Compliance-Lücke unmittelbar haftungsrelevant: Wer eine vorgeschriebene Prüfung nicht durchgeführt oder eine Kennzeichnung unterlassen hat, muss im Schadensfall gegen eine Vermutung anarbeiten, statt sie schlicht bestreiten zu können.

Gesetzliche RegelDie Vermutung nach Artikel 10 ist widerlegbar. Sie kehrt die Beweislast nicht um, verschiebt aber die praktische Darlegungslast spürbar.

Was die Versicherung leistet — und was nicht

Eine Produkthaftpflichtversicherung ändert nichts an der rechtlichen Zurechnung. Sie trägt im Rahmen des Vertrags die wirtschaftlichen Folgen und stellt gegebenenfalls die Abwehr unbegründeter Ansprüche sicher. Für den Deckungsumfang ist entscheidend, in welcher Rolle Sie tatsächlich auftreten — als Importeur oder als Quasi-Hersteller unter eigener Marke.

Viele Policen knüpfen die Deckung ausserdem an Obliegenheiten, etwa an dokumentierte Wareneingangs- oder Vorverschiffungskontrollen. Die Dokumentation, die im Haftungsfall hilft, ist damit häufig dieselbe, die den Versicherungsschutz erhält.

Häufige Fragen zur Abgrenzung

Ist Produkthaftung dasselbe wie Gewährleistung?

Nein. Die Gewährleistung betrifft Mängel der Kaufsache im Verhältnis zum Vertragspartner. Die Produkthaftung betrifft Schäden, die ein fehlerhaftes Produkt bei Personen oder Sachen verursacht, und setzt keinen Vertrag mit dem Geschädigten voraus.

Schützt eine CE-Kennzeichnung vor Haftung?

Nein. Die CE-Kennzeichnung ist die Erklärung, dass die einschlägigen Rechtsakte eingehalten wurden, und Voraussetzung für den Marktzugang. Sie schliesst weder Fehlerhaftigkeit noch Haftung aus. Umgekehrt kann ein Verstoss gegen verbindliche Sicherheitsanforderungen nach Artikel 10 eine Fehlervermutung auslösen.

Was ist der Unterschied zur Produzentenhaftung?

Die Produkthaftung nach dem Produkthaftungsgesetz ist verschuldensunabhängig. Die Produzentenhaftung nach Deliktsrecht setzt eine Verletzung von Verkehrssicherungspflichten voraus und damit ein Verschulden. Beide können nebeneinander bestehen.

Löst GPSR private Schadensersatzansprüche aus?

Die Produktsicherheitsverordnung richtet sich an Wirtschaftsakteure und Marktüberwachungsbehörden. Schadensersatzansprüche folgen aus dem Haftungsrecht. Ein Verstoss gegen Sicherheitsanforderungen kann dort allerdings über die Vermutungsregel des Artikels 10 hineinwirken.

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Redaktioneller HinweisDieser Leitfaden wurde anhand der im Amtsblatt veröffentlichten Richtlinie (EU) 2024/2853 einschließlich ihrer Berichtigung sowie anhand der Verfahrensunterlagen zum deutschen Umsetzungsgesetz erstellt und wird bei relevanten Änderungen aktualisiert. Er dient der allgemeinen Orientierung und ersetzt keine Rechtsberatung im Einzelfall. China Send erbringt keine Rechtsberatung und kann Produkthaftung weder übernehmen noch ausschließen. Maßgeblich sind der veröffentlichte Wortlaut der Rechtsakte und das jeweils geltende nationale Recht.Aktualisierungen dieses Leitfadens26.08.2026 — Ersterstellung und fachliche Prüfung anhand der Richtlinie (EU) 2024/2853, der Berichtigung ABl. L, 2026/90364 vom 07.05.2026 sowie des Verfahrensstands zum deutschen Umsetzungsgesetz. Nächster Prüfpunkt: Abschluss des Gesetzgebungsverfahrens im Bundestag.

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