Digitaler Produktpass beim Import aus China: Wer verantwortlich ist und was aus dem Werk kommen muss

Beim Import trägt nicht die Fabrik die Verantwortung für den Produktpass, sondern Sie. Das klingt banal, hat aber eine unangenehme Konsequenz: Sie brauchen Daten, die in chinesischen Werken selten strukturiert vorliegen — und Sie brauchen sie, bevor die Serie läuft. Diese Seite ordnet die Rollen und zeigt, an welcher Stelle im Beschaffungsprozess die Datenfrage gestellt werden muss.

9 Min. Lesezeit · Für Importeure und Eigenmarken · Stand: 24.08.2026

Die Rollenverteilung, die beim Import gilt

Die ESPR knüpft die Pflichten an Wirtschaftsteilnehmer. Wer ein Produkt aus einem Drittland erstmals in der Union in Verkehr bringt, ist Importeur und damit verantwortlich — unabhängig davon, wer das Produkt entworfen oder gefertigt hat.

Wer zusätzlich unter eigener Marke fertigen lässt, tritt als Hersteller auf. Dann gelten die weitergehenden Herstellerpflichten, obwohl die Produktion vollständig in China stattfindet. Diese Doppelrolle betrifft praktisch jede Eigenmarke im Onlinehandel.

Was das praktisch bedeutetEin vom Werk ausgefüllter Produktpass ist eine Datenlieferung, keine Haftungsübertragung. Prüfen und verantworten müssen Sie ihn selbst — dieselbe Konstruktion wie bei der Konformitätserklärung.

Warum die Datenfrage vor die Musterfreigabe gehört

Solange ein Muster noch nicht freigegeben ist, haben Sie Verhandlungsmacht. Danach kostet jede Nachforderung Zeit und meist Geld, weil das Werk Daten zusammensuchen muss, die es für die Produktion nicht braucht.

Das gilt besonders für Angaben, die nicht im Werk selbst entstehen: Materialzusammensetzungen von Zulieferern, Rezyklatanteile, Prüfberichte akkreditierter Labore. Wer sie erst nach Serienstart anfordert, bekommt sie oft gar nicht mehr in belastbarer Form.

Wann welche Angabe angefordert werden sollte
BeschaffungsphaseWas hier festgezurrt wirdWas später kaum nachholbar ist
Anfrage und AngebotModellnummer, Werksidentität, Herkunftsland—
MusterphaseMaterialaufbau je Komponente, Gewichte, technische KennwerteMaterialangaben von Vorlieferanten
MusterfreigabeZusage, dass Modellnummer über Chargen stabil bleibtRückwirkende Stabilität einer Kennung
Vor SerienstartPrüfberichte, Rezyklatnachweise, ReparierbarkeitsangabenLaborberichte zu bereits produzierter Ware
SerieÄnderungsanzeige bei Material- oder LieferantenwechselLückenlose Historie ohne Change Control

Was heute schon sinnvoll ist — und was nicht

Für die meisten Produktgruppen liegt noch kein delegierter Rechtsakt vor. Wer jetzt eine Produktpass-Software auswählt, entscheidet also über Anforderungen, die noch niemand kennt. Das ist selten eine gute Reihenfolge.

Sinnvoll ist dagegen alles, was unabhängig vom künftigen Rechtsakt nützt: saubere Produktstammdaten, eine stabile interne Produkt-ID je Variante, dokumentierte Materialangaben und ein geordneter Ablageort für Lieferantendokumente. Diese Arbeit fällt ohnehin an — für Konformitätserklärungen, für Zollangaben, für Marktüberwachungsanfragen.

Praxishinweis von ChinaSendWir sehen regelmäßig denselben Ablauf: Ein Importeur fragt nach Materialangaben, das Werk schickt ein PDF-Datenblatt des Vorlieferanten, und niemand prüft, ob es zum tatsächlich verwendeten Material passt. Zwei Fragen lösen das meiste — ob die Angabe die Serienware betrifft und ob sie bei Lieferantenwechsel aktualisiert wird.

Häufige Fragen zum Produktpass beim China-Import

Kann mein Lieferant den Produktpass für mich erstellen?

Er kann die Daten liefern und technisch auch einen Datensatz befüllen. Verantwortlich für Richtigkeit und Verfügbarkeit bleiben Sie als Inverkehrbringer. Eine vertragliche Zusage des Werks ändert daran nichts gegenüber Behörden.

Betrifft mich der Produktpass, wenn ich nur B2B verkaufe?

Die ESPR knüpft an das Inverkehrbringen an, nicht an die Abnehmergruppe. Ob und welche Anforderungen für Ihr Produkt gelten, ergibt sich aus dem delegierten Rechtsakt der jeweiligen Produktgruppe — dort können auch Differenzierungen stehen.

Was ist, wenn mein Werk keine Materialangaben liefern will?

Dann fehlt Ihnen eine Grundlage, die Sie später brauchen werden — nicht nur für den Produktpass, sondern auch für Stoffbeschränkungen und Konformitätsnachweise. In der Praxis lässt sich das meist über die Musterfreigabe lösen; nach Serienstart wird es deutlich schwieriger.

Muss ich jetzt schon eine DPP-Software kaufen?

Für die meisten Produktgruppen wäre das verfrüht, weil die Datenfelder noch nicht feststehen. Die Datenarbeit lohnt sich dagegen sofort und ist unabhängig vom späteren System.

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Redaktioneller HinweisDieser Leitfaden wurde anhand der veröffentlichten EU-Rechtsakte und der Informationen der Europäischen Kommission erstellt und wird bei relevanten Änderungen aktualisiert. Er dient der allgemeinen Orientierung und ersetzt keine individuelle Rechts- oder Produktzulassungsberatung. Maßgeblich ist stets der im Amtsblatt veröffentlichte Wortlaut der Rechtsakte — insbesondere der jeweilige produktgruppenspezifische delegierte Rechtsakt.Aktualisierungen dieses Leitfadens24.08.2026 — Ersterstellung und fachliche Prüfung anhand der Verordnung (EU) 2024/1781, der Durchführungsverordnung (EU) 2026/1778, der Kommissionsangaben zur Inbetriebnahme des DPP-Registers vom 20.07.2026 sowie des Arbeitsplans 2025–2030.

Lieferantendaten strukturiert einholen

Wir fragen Modellnummern, Materialaufbau, Herkunft und Prüfunterlagen im Werk ab, prüfen die Antworten auf Plausibilität und übergeben sie in einer Form, mit der Sie weiterarbeiten können.